Unser Gesprächspartner

Sascha_Stowasser

Prof. Dr.-Ing.
SASCHA STOWASSER

Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft

 

Unser Gesprächspartner Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser ist Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. in Düsseldorf und Privatdozent an der Universität Karlsruhe. Zuvor war er mit Führungsaufgaben bei der BoschRexroth AG betraut und in verschiedenen Gremien der Arbeitgeberverbände sowie in Wissenschaft und Normierung tätig.

Das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa) ist eine Wissenschaft und Praxis verbindende Institution in den Forschungsdisziplinen Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation. Im Mittelpunkt steht die Steigerung der Produktivität in den Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie. Das Institut wird getragen von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie. Ein Aufgabenbereich des Instituts ist die Belastungs- und Zufriedenheitsanalyse, u.a. auch die Analyse verschiedener Mitarbeiterbefragungen in Unternehmen. Weitere Informationen: http://www.arbeitswissenschaft.net

 

Mitarbeiterbefragungen aus arbeitgeberorientierter Sicht


Interview mit Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa)


Was sind aus Arbeitgebersicht die wichtigsten Ziele einer Mitarbeiterbefragung?

Mitarbeiterbefragungen haben sich in vielen Unternehmen als wichtiges personal- und organisationspolitisches Instrument etabliert. Dem selbst heute noch herrschenden Irrglauben, dass Arbeitgeber sich vor Mitarbeiterbefragungen scheuen, oder gar, dass Arbeitgeber die Sicht der Beschäftigten gering schätzen, muss ich ernsthaft widersprechen.

Die Zielsetzungen für - wohlgemerkt systematische und methodisch korrekte - Befragungen der Mitarbeiter sind vielfältig und können von Unternehmen zu Unternehmen verschiedenartig aussehen. Wichtig für den Arbeitgeber ist unter anderem, Einblick in das Betriebsklima zu gewinnen, die allgemeine Situation und das Image des Unternehmens aus Sicht der Mitarbeiter zu erfassen, Anhaltspunkte für gestalterische Maßnahmen (z.B. Arbeits- und Betriebsabläufe, -bedingungen) zu erhalten, Mitarbeiter zum Mitdenken anzuregen und die Kommunikation zwischen Mitarbeiter und Führungskräften zu stärken.

Wer sind die Prozesspartner eines Mitarbeiterbefragungsprojekts und wer sollte wie eingebunden werden?

Nach der Entscheidung und einem klaren Commitment der Unternehmensleitung für eine Mitarbeiterbefragung ist es sinnvoll, frühzeitig die Führungskräfte und den Betriebsrat einzubinden. In der Regel wird eine Person oder eine Projektgruppe beauftragt, die Befragung zu planen und durchzuführen.

Wichtige Schritte sind die umfassende, zeitige sowie verständliche Information der zu befragenden Mitarbeiter und gegebenenfalls das Training der Koordinatoren (z.B. in der Durchführung von Follow-up-Workshops). Wird ein externes Beratungsinstitut eingeschaltet, hängt die Organisation stark vom Dienstleistungsangebot des Beraters ab. Externe Unterstützung muss unbedingt seriös und sozialpartnerschaftlich unabhängig sein.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen einer Mitarbeiterbefragung?

Das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft hat Mitarbeiterbefragungen zahlreicher Unternehmen hinsichtlich ihrer Themenschwerpunkte analysiert. Die fünf am meisten abgefragten Themenblöcke in den untersuchten Befragungen waren: Information und Kommunikation im Unternehmen, Entgelt, Arbeitszufriedenheit, Abteilungsklima und Zusammenarbeit mit Kollegen sowie Karriere und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Wie sollte eine Mitarbeiterbefragung in die Organisationsentwicklung integriert werden?

Werden Verbesserungs- und Organisationsentwicklungsprozesse durch Mitarbeiterbefragungen flankiert, kann der Einstieg in den Prozess erleichtert und die Akzeptanz der Veränderungen erhöht werden. Die Auseinandersetzung mit den Fragen und nach der Auswertung mit den Ergebnissen bewirkt, dass sich jeder einzelne befragte Mitarbeiter mit den Themen beschäftigt und über ihre Bewertung nachgedacht hat. Im weiteren Verlauf wird partnerschaftlich (zumeist in Mitarbeiter-Workshops) an den Themen gearbeitet und konkrete Veränderungsmaßnahmen werden abgeleitet.

Welchen Beitrag kann die Mitarbeiterbefragung zum Thema Fehlzeiten und Bindung liefern?

Arbeitgeber schenken den Fehlzeiten sehr viel Aufmerksamkeit, da sie den Erfolg eines Unternehmens wesentlich beeinträchtigen können. Die Gründe für Fehlzeiten sind mannigfaltig: Krankheit, situationsbezogene Abwesenheit, aber eben auch Schwänzen oder nicht nachweisliche Krankheit. Welche Ursachen hinter den Gründen für Fehlzeiten stehen, ist nicht eindeutig bestimmbar - das können personenbedingte Ursachen (z.B. Krankheitsanfälligkeit, Zufriedenheit), das Betriebsklima oder der Führungsstil des Vorgesetzen sein und vieles andere mehr. In ähnlicher Weise ist auch die Fluktuation ein komplexes Konstrukt aus mehreren ursächlichen Faktoren. 

Können aus der Mitarbeiterbefragung Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden, die die für Fehlzeiten und Fluktuationen verantwortlichen Faktoren vermeiden, dann ist durchaus eine Senkung der Fehlzeiten oder der Fluktuation möglich. Schwierig wird es jedoch, wenn personenbezogene Ursachen, die unbedingt anonym zu behandeln sind, eine Rolle spielen.

Wie kann man mit einer Mitarbeiterbefragung organisatorische und strukturelle Schwachstellen in operativen Bereichen des Unternehmens herausfinden - und diese Probleme nach ihrer Identifikation lösen?

Mitarbeiter, deren Meinung ernst genommen wird, spielen für die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit eine zentrale Rolle. Denn sie erfahren tagtäglich die Schwachstellen in ihrem Arbeitsumfeld, der Technik und der Organisation. Bei entsprechender Vorbereitung - d.h. wenn die Fragen zur Erhebung struktureller und organisatorischer Schwachstellen überlegt ausgewählt werden - hat sich in zahlreichen Mitarbeiterbefragungen gezeigt, dass derartige Schwachstellen klar identifiziert werden können. Im anschließenden Prozess müssen dann konsequenterweise Maßnahmen zur Behebung definiert und umgesetzt werden. Nur so werden die Probleme auch tatsächlich gelöst. Kontinuierliche Verbesserungsprozesse können im Unternehmen durch Mitarbeiterbefragung sehr gut flankiert werden.