"Wir wollen handeln - gerade weil Krise ist!"
Interview mit Karin Aust, Hüttenwerke Krupp Mannesmann
Eine Mitarbeiterbefragung in einem Stahlunternehmen zu Zeiten der Kurzarbeit. Wie ist das Vor-haben von Mitarbeitern und Führungskräften aufgenommen worden?
Die Entscheidung für die Durchführung einer ersten Gesamtbefragung ist in einer Zeit des wirtschaftlichen Booms getroffen worden. Der Jahreswechsel 2008/2009 brachte einen dramatischen Einbruch der Auftragslage mit sich, was zu tiefgreifenden Veränderungen im Unternehmen führte. Die Betroffenheit der Belegschaft über das Ausmaß der erforderlichen Schritte wie die Einführung der Kurzarbeit war hoch.
Das Vorhaben Mitarbeiterbefragung wurde daher von allen zu Recht kritisch hinterfragt. Zunächst stand die Frage nach den Kosten im Raum. Zusätzlich waren viele Mitarbeiter durch Kurzarbeit und Urlaubsabwicklung schlecht zu erreichen. Und schließlich bestand die Sorge, inwieweit die Ergebnisse der Befragung überhaupt angemessene Rückschlüsse und Handlungsoptionen zulassen würden: Würde die Krise alles negativ überschatten oder würde vielleicht das Gegenteil eintreten und die Mitarbeiter würden aus Angst vor Arbeitsplatzverlust alles beschönigen, um für ihren Bereich gute Ergebnisse zu erzielen? Es war eben einfach keine normale Zeit und die Energie im Unternehmen war verständlicherweise eher auf andere Themen als die Mitarbeiterbefragung gerichtet.
Wie haben Sie schließlich die Entscheidung getroffen, trotz allem am geplanten Zeitpunkt für die Befragung festzuhalten?
2007 und 2008 hatten wir Boomjahre, da waren alle im Unternehmen intensiv damit beschäftigt, die Produktion auszuweiten und störungsfrei zu halten. Zu einer Befragung hätten zu diesem Zeitpunkt viele gesagt: "Dafür haben wir jetzt keine Zeit". Wir gingen 2009 davon aus, dass die Krise eher länger anhalten würde, wir dann aber sehr flexibel auf einen Auftragsanstieg reagieren müssen. Und auf diese Zeit nach der Krise wollen wir uns im Unternehmen jetzt bestmöglich vorbereiten. Die Mitarbeiterbefragung soll uns da ein Ratgeber sein und uns dabei unterstützen, Stärken und Handlungsfelder zu erkennen. Wir wollen handeln und uns für die Zukunft gut aufstellen - gerade, weil Krise ist. Mit dieser Argumentation konnten wir Führungskräfte und Mitarbeiter überzeugen und bewegen, mitzumachen.
Es war also vor Beginn der Mitarbeiterbefragung letztlich eine ausreichende Akzeptanz des Projekts vorhanden?
In guten wie in schlechten Zeiten muss für eine Mitarbeiterbefragung die Akzeptanz bei Führungskräften, der Mitbestimmungsseite und natürlich der Mitarbeiter erst geschaffen werden. Der Sinn und Nutzen will erklärt sein, Misstrauen und Zweifel müssen durch Information und Kommunikation abgebaut werden. Das gesamte Verfahren der Durchführung und auch das weitere Vorgehen nach Vorliegen der Ergebnisse muss deutlich gemacht und wenigstens von den Multiplikatoren verstanden werden. Die Akzeptanz einer Befragung kann vor allem durch eine hohe Transparenz des Prozesses erhöht werden. Außerdem ist die Unterstützung des Betriebsrats, den wir auch in unser Projektteam eingebunden haben, von großer Bedeutung.
Welche Kommunikationsmaßnahmen haben Sie zur Bewerbung der Mitarbeiterbefragung getroffen?
Wir haben den Kommunikationsprozess breit aufgestellt und vielseitig informiert. In Belegschafts-versammlungen wurde die Vorbereitung sowie Sinn und Nutzen der geplanten Befragung kommuniziert. Die Werkszeitung hat regelmäßig über das Verfahren, Termine und Ansprechpartner informiert. Im Intranet war ebenfalls alles zum Thema Mitarbeiterbefragung zu finden, einschließlich der getroffenen Betriebsvereinbarung. Es gab natürlich Plakate mit den Terminen und zur Schaffung eines Wiedererkennungseffekts des Logos. Daneben hatten persönliche Anschreiben der Geschäftsführung, des geva-instituts sowie Erinnerungsschreiben einen nicht unerheblichen Effekt auf die Bereitschaft zur Teilnahme.
Haben Sie auch die Führungskräfte besonders unterstützt?
Der Informationsbedarf unserer Führungskräfte war besonders hoch. Ihnen war vor allem wichtig, das gesamte Verfahren im Vorfeld genau zu kennen. Denn die Mitarbeiter stellten ihnen viele Fragen, die sie auch beantworten können wollten. Man muss dazu sagen, dass sich unsere Führungskräfte Anfang des Jahres in der schwierigen Situation befanden, ihren Mitarbeitern wirklich unangenehme Nachrichten verkünden zu müssen. Viele haben deshalb auch befürchtet, dass die Aussagen zum Thema Führung in der Mitarbeiterbefragung entsprechend negativ ausfallen würde. Einige Führungskräfte stellten uns durchaus die Frage, was denn mit ihnen passieren würde, falls die Ergebnisse der Befragung in ihrem Bereich schlecht wären? Es gab daher zahlreiche Informationsveranstaltungen für die Führungskräfte mit Diskussionen, einer Aufnahme der Anliegen und der Beantwortung offener Fragen durch die Geschäftsführung und das Projektteam.